
Anders lernen ist normal: Wie neurodivergente Studierende im Fernstudium profitieren können
Ein Beispiel aus dem Studienalltag.
(Person und Situation sind frei erfunden!)
Tamara studiert im ersten Semester eines Bachelorstudiengangs an der FERNFH. Sie hat das Aufnahmeverfahren mit ihrer Diagnose „ADHS“ erfolgreich absolviert und in zwei Wochen stehen die ersten Prüfungen an. Sie hat alle Aufgaben im Online-Setting erfolgreich erledigt, das Studienheft gelesen und beginnt sich auf die Abschlussprüfung in Rechnungswesen vorzubereiten. Von ihrer Diagnose hat sie niemandem erzählt.
Doch dann passiert Folgendes:
Wann immer sie die Lernunterlagen zur Hand nimmt, um für die Prüfung zu lernen, ist sie von der Fülle der Inhalte überfordert. Sie verschiebt das Lernen – es sind ja eh noch zwei Wochen Zeit. Sie versucht dann in kleineren Etappen alles zu lesen, lässt sich aber sehr leicht durch Handy, Tablet und Co. ablenken. Der Lernerfolg tritt nicht ein, sie ist schon frustriert und auch ein wenig demotiviert. Trotz allem versucht sie sich am Prüfungstag positiv zu zeigen, immerhin trifft sie ihre Kolleg*innen vor Ort am Campus. Sie möchte hier nicht „auffallen“. Bei der Prüfung selbst merkt sie, sie kann sich nicht konzentrieren, die Zeit läuft ihr davon, die Fragen erscheinen ihr viel zu kompliziert, sie verweilt auch zu lange bei einzelnen Fragen und letztlich muss sie abgeben, ohne alles ausgefüllt zu haben. Ernüchtert fährt sie am Ende des Tages nach Hause. Dabei gehen ihr viele Fragen durch den Kopf:
- Hätte sie doch der Studiengangsleitung Bescheid geben sollen?
- Hätte es vielleicht eine Möglichkeit gegeben, mit jemandem anderen darüber zu reden?
- Vielleicht hätte ein frühes Gespräch Entlastung gebracht? Hätte Sie auch ihren Studienkolleg*innen davon erzählen sollen?
Was Tamara erlebt, berichten viele Studierende – unabhängig davon, ob sie neurodivergent sind oder nicht. Intensive Phasen, Überforderung oder das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, gehören zum Studium dazu.
Für neurodivergente Studierende können solche Situationen jedoch häufiger oder anders gelagert auftreten. Eine zu hohe Reizdichte, fehlende Strukturen oder starker Zeitdruck können für sie sehr belastend sein.
Umso wichtiger sind alternative Wege und die richtige Unterstützung. Und die gibt es an der FERNFH. Um das besser zu verstehen, lohnt sich im ersten Schritt ein Blick auf die Begriffe Neurodiversität und Neurodivergenz.
Neurodiversität und Neurodivergenz – wo ist der Unterschied?
Neurodiversität und Neurodivergenz (Stangl, 2024) hängen eng zusammen, meinen aber nicht dasselbe.
- Neurodiversität beschreibt die Vielfalt der menschlichen Gehirne insgesamt – also das ganze Spektrum an unterschiedlichen neurokognitiven Funktionsweisen in der Bevölkerung (Accardo, Bomgardner, Rubinstein & Woodruff, 2025). Es ist ein gesellschaftliches Konzept, das sagt: Unterschiedlich funktionieren ist normal und wertvoll, so wie unterschiedliche Körpergrößen oder Haarfarben.
- Neurodivergenz beschreibt neurokognitive Verarbeitungsweisen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was gesellschaftlich oft als „neurotypisch“ erwartet, sprich als “normal“ angesehen wird. Neurodivergent sind z.B. Menschen mit Autismus, ADHS oder Legasthenie.
Neurodivergente Menschen verwenden unterschiedliche Begriffe für sich selbst (z. B. „neurodivers“ oder „neurodivergent“). Wichtig ist, die jeweilige Selbstbezeichnung zu respektieren, da nicht alle Ausprägungen gleichermaßen bekannt oder sichtbar sind.
Neurodivergenz im Fernstudium: Chancen und Herausforderungen
Für neurodivergente Studierende, etwa mit der Diagnose „ADHS“ oder „Autismus“, bringt ein Fernstudium besondere Chancen (Rommel, 2024), aber auch eigene Stolpersteine mit sich.
Die große Freiheit, sich Lernzeiten und ‑orte selbst einzuteilen, kann schnell zur Belastung werden, wenn es schwerfällt, den Überblick über Aufgaben, Fristen und Materialien zu behalten. Online-Plattformen, E‑Mails, Skripten, Videos und Foren erzeugen eine dauerhafte Informationsflut, die anstrengend sein kann und dadurch möglicherweise zu Überforderung führt.
Hinzu kommen Schwankungen in Bezug auf Konzentration und Energie: An manchen Tagen ist fokussiertes Arbeiten kaum möglich, an anderen Tagen entsteht zwar ein sogenannter Hyperfokus (sehr intensive Konzentrationsphase), aber nur bei Themen, die gerade spontan interessieren.
Viele Herausforderungen hängen mit exekutiven Funktionen zusammen – also den mentalen Steuerprozessen für Planen, Priorisieren und dem Starten von Aufgaben.
Kommen zusätzlich Prüfungsdruck oder Perfektionismus hinzu, fühlen sich viele, als würden sie „ständig hinterherlaufen“, obwohl sie inhaltlich eigentlich gut mitkommen könnten. Dieses Gefühl hat jedoch oft mehr mit Rahmenbedingungen als mit Fähigkeiten zu tun.
Entscheidend ist daher nicht nur, wie jemand lernt, sondern auch unter welchen Bedingungen. Das Fernstudium eröffnet hier besondere Möglichkeiten.
Die Vorteile des Fernstudiums an der FERNFH
Ein Fernstudium an der FERNFH bietet (neurodivergenten) Studierenden viele Vorteile, weil es deutlich mehr Gestaltungsspielraum lässt als ein klassisches Präsenzstudium.
- Die Lerninhalte können im eigenen Tempo und zu den Tageszeiten bearbeitet werden, an denen Konzentration und Energie am besten sind – sei es früh morgens, spät abends oder in kurzen, verteilten Einheiten zwischendurch.
- Unterschiedliche Lehrmaterialien wie aufgezeichnete Videos, Skripten, Podcasts oder Lernfolien erleichtern das Erarbeiten des Lernstoffes.
- Das Lernen im gewohnten Umfeld (zum Beispiel zu Hause) ermöglicht es, dass Reize reduziert, Pausen frei eingeteilt und Routinen geschaffen werden, die Sicherheit geben (Tuena-Küpfer, 2024, S. 47).
- Die wenigen, gut planbaren Präsenztage an der FERNFH entlasten Studierende, die sich in großen Gruppen oder unbekannten Settings schnell überfordert fühlen können, ohne dass der persönliche Kontakt völlig wegfällt.
- Kommunikation und der Austausch unter den Studierenden und Lehrenden wird an der FERNFH großgeschrieben und aktiv gefördert – z. B. über Foren, Online-Sprechstunden und klare Ansprechpartner*innen.
- Die zumeist asynchrone Kommunikation ermöglicht auch hier eine gut nutzbare Flexibilität.
Insgesamt entsteht so ein Rahmen, in dem unterschiedliche Arbeitsweisen und Bedürfnisse Platz finden und in dem Studierende ihre Stärken gezielter nutzen können, statt permanent gegen starre Strukturen ankämpfen zu müssen (Rommel, 2024).
So unterstützen wir neurodivergente Studierende an der FERNFH
An der FERNFH sind wir immer bemüht, individuelle Lösungen anzubieten. Selbstverständlich ist das nur möglich, wenn wir eine entsprechende Anfrage erhalten. Wenn du dich gerade im Aufnahmeprozess befindest, wende dich mit deinem Anliegen bitte an den jeweiligen Studiengang. Solltest du bereits an der FERNFH studieren, wende dich bitte an deine jeweilige Studiengangsleitung. Dein Anliegen wird in jedem Fall natürlich streng vertraulich behandelt!
Bist du an generellen Informationen rund um das Studium an der FERNFH interessiert, dann sieh dich bei unseren Studienprogrammen um.
Benötigst du allgemeine Infos rund um die Möglichkeiten mit Neurodivergenz zu studieren, kontaktiere gerne unsere Leitung des Ausschusses für Gleichstellung, Gender & Diversität (Astrid Braun, Nicole König). Wir finden gemeinsam den richtigen individuellen Weg für dich!
Konkrete Tipps für neurodivergente Studierende an der FERNFH: im Online–Campus
- Wichtig: Überlege, ob und wem du deine Neurodivergenz mitteilen möchtest. Das ist deine ganz persönliche Entscheidung.
- Definiere kleine, realistische Lernblöcke, setze dir feste (Zeitpunkt), aber flexible (Zeitraum) Lernzeiten, gestalte visuelle Wochenpläne oder nutze digitale/analoge Tools für Aufgabenlisten.
- Gestalte deine Lernumgebung so, dass nichts Störendes oder Ablenkendes in Sicht-, Hör- oder Greifweite ist, schaffe ein harmonisches, minimalistisches Umfeld.
- Teile Texte in kleinere Einheiten oder Kapitel ein, höre dir Inhalte auch an, anstatt sie nur zu lesen (nutze die Vorlese-Funktion im Browser oder im PDF-Reader).
- Arbeit mit visueller Unterstützung in Form von Karteikarten, Post-Its, Farben, Mindmaps etc.
Konkrete Tipps für neurodivergente Studierende an der FERNFH: vor Ort am Campus in Wiener Neustadt
- Nimm bei Überforderung frühzeitig Kontakt mit deinen Lehrenden und/oder deiner Studiengangsleitung auf.
- Reduziere Reize in den Pausen (Noise-Cancelling-Kopfhörer) oder nutze bewusst, was dir hilft (z.B. Musik, Spazierengehen etc.). Hol dir gerne bei Bedarf Ohrstöpsel am Infopoint ab.
- Such bewusst Ruheorte am Campus auf (z.B. Im Masterstudiengang Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie gibt es eine spezielle Schreib- und Rückzugszone an den Präsenztagen.), oder nutze die Umgebung außerhalb des Campus, um dem Campus-Trubel in der Pause zu entfliehen – zum Beispiel den Stadtpark oder ein nettes Café in der Fußgängerzone. Ein Rückzug in Pausen ist völlig legitim – das hat nichts mit Unhöflichkeit zu tun.
„Studieren mit Neurodivergenz ist möglich – und kann besondere Stärken sichtbar machen. Wenn du dich wiedererkennst: Melde dich bei uns, lass uns darüber sprechen und wir gehen die nächsten Schritte gemeinsam. Wir unterstützen dich gerne!“
FAQ zu Neurodivergenz & Studium
Wie lernen neurodivergente Menschen am besten?
Es gibt keinen einheitlichen Weg. Viele profitieren von visuellen Strukturen, klaren Abläufen, flexiblen Zeitfenstern und individuell gestalteten Lernumgebungen.
Kann man mit ADHS studieren?
Ja. Viele Menschen mit ADHS studieren erfolgreich. Entscheidend sind passende Lernstrategien, flexible Strukturen und ein Studienumfeld, das individuelle Arbeitsweisen ermöglicht.
Welche Studienform passt zu Menschen mit ADHS?
Studienformen mit hoher Flexibilität, selbstbestimmtem Lerntempo und klar strukturierten Materialien werden häufig als unterstützend erlebt – dazu gehören besonders viele Fernstudienprogramme wie auch das der FERNH.
Ist ein Fernstudium für neurodivergente Studierende geeignet?
Oft ja. Ein Fernstudium bietet flexible Zeitplanung, individuell gestaltbare Lernumgebungen und asynchrone Formate, die vielen neurodivergenten Studierenden entgegenkommen.
Was bedeutet Neurodivergenz im Studium?
Neurodivergenz beschreibt unterschiedliche Arten der Informationsverarbeitung, etwa bei ADHS, Autismus oder Dyslexie. Im Studium bedeutet das vor allem, dass Lernwege variieren können – nicht, dass jemand weniger leistungsfähig ist.
Welche Herausforderungen haben neurodivergente Studierende im Studium?
Manche erleben Schwierigkeiten bei Zeitplanung, Aufgabenstart, Reizverarbeitung oder Strukturierung. Diese Unterschiede sind jedoch individuell und sagen nichts über Leistungsfähigkeit oder Motivation aus.
Welche Stärken bringen neurodivergente Studierende häufig mit?
Häufig genannt werden Kreativität, Mustererkennung, Detailgenauigkeit, intensive Fokusphasen oder ungewöhnliche Problemlösungsstrategien. Diese können im Studium ein großer Vorteil sein.
Welche Unterstützung gibt es für neurodivergente Studierende?
Viele Hochschulen bieten Beratung, individuelle Lösungen, flexible Prüfungsmodalitäten oder organisatorische Anpassungen. Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Studierende ihr Potenzial entfalten können.
Welche Lernstrategien helfen bei Konzentrationsproblemen im Studium?
Viele Studierende profitieren von kurzen Lernblöcken, visuellen Plänen, klaren Prioritätenlisten und einer reizarmen Lernumgebung. Wichtig ist, Methoden zu finden, die zum eigenen Denk- und Arbeitsstil passen.
Gibt es einen Nachteilsausgleich für Studierende mit ADHS oder Autismus?
Ja, an vielen Hochschulen können Studierende einen Nachteilsausgleiche beantragen, etwa verlängerte Prüfungszeiten oder alternative Prüfungsformen. Die Voraussetzungen und Abläufe unterscheiden sich je nach Hochschule.
Was tun bei Überforderung im Studium?
Hilfreich sind strukturierte Lernpläne, kleine Arbeitsschritte, Pausen und Gespräche mit den richtigen Ansprechpersonen. Für jede und jeden gibt es den richtigen Weg zum erfolgreichen Studienabschluss.









