Wenn Worte Türen öffnen: Die verborgene Macht der Sprache in der Tech-Bildung
Wie inklusive Sprache den Zugang zu technischen Studiengängen verändert
Warum fühlen sich Frauen von technischen Studiengängen oft nicht angesprochen? Nicht immer liegt es am fehlenden Interesse, sondern häufig an den falschen Worten. Daniela Wolf, Lehrende und Forschende an der FERNFH, widmete sich beim Female Tech Summit in Linz der Frage, welche Macht Worte in der Tech-Bildung haben. Darin teilte sie ihre Gedanken und zeigte unter anderem auf, wie Lehrveranstaltungstitel über Zugehörigkeit entscheiden können. Auch an der FERNFH sind durch diesen Anstoß einige Prozesse in Gang gekommen und erste Schritte umgesetzt worden.
Vor einigen Jahren ging ein berührendes Video viral: Ein blinder Mann sitzt auf einer Treppe. Vor ihm ein Pappschild mit den Worten: „I’m blind. Please help.“ Die Passant*innen gehen vorbei. Dann ändert jemand die Worte auf dem Schild. Nichts sonst. Kein neues Gesicht, keine andere Geschichte, keine veränderte Situation. Nur andere Worte: “It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Plötzlich bleibt fast niemand mehr gleichgültig.
Mit diesem eindrucksvollen Beispiel eröffnete Daniela Wolf, Lehrende und Forschende am Institut für Informationstechnologie und Wirtschaftsinformatik an der Ferdinand Porsche FERNFH, ihren Vortrag beim Female Tech Summit in Linz und hob etwas hervor, das Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Bildungsforschung seit Jahrzehnten untersuchen: Menschen reagieren nicht immer primär auf Informationen. Menschen reagieren auf Bedeutungen. Oder, wie sie Neurowissenschaftler Antonio Damasio zitierte: „Wir sind keine denkenden Maschinen, die fühlen. Wir sind fühlende Maschinen, die denken.“
Dies legte Wolf auf Bildung um und stellte sich folgende Fragen: Können Worte oder deren Zusammensetzung beeinflussen, wer sich von technischen Bildungsangeboten angesprochen fühlt? Können Worte darüber entscheiden, wer sich für Informatik interessiert und wer nicht?
Framing, Zugehörigkeit, Zugang
Dass Worte Wirkung haben, ist keine neue Erkenntnis. Dass sie aber darüber entscheiden, wer sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, ist eine Erkenntnis, die im Bildungsbereich noch viel zu selten ernst genommen wird. Daniela Wolf stützt ihre Überlegungen auf drei Forschungsstränge: Framing, Sense of Belonging und Ambient Belonging.
Das Framing-Konzept nach George Lakoff besagt, dass Menschen Informationen niemals neutral interpretieren, sondern immer in einem mentalen Deutungsrahmen. Ein Studiengang kann als hochkomplexes technisches System dargestellt werden, oder als Werkzeug zur Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft. Beides ist wahr. Die Wirkung auf potenzielle Studierende ist eine völlig andere.
Der Sense of Belonging, das Zugehörigkeitsgefühl, geht noch einen Schritt weiter: Forschung zeigt, dass in MINT-Fächern das fachspezifische Zugehörigkeitsgefühl ein stärkerer Prädiktor für akademische Persistenz ist als das allgemeine Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschule. Nicht nur die Institution entscheidet, ob jemand bleibt. Das Fach entscheidet es. Und dieses Signal sendet oft schon der Titel einer Lehrveranstaltung (Ambient Belonging), lange bevor jemand einen Hörsaal betritt.
Für Daniela Wolf ergibt sich daraus eine Wirkungskette, die im untenstehenden Bild dargestellt wird.

Die Wahl der Worte: einladend oder ausgrenzend
Wolf benennt eines der zugrunde liegenden Probleme mit einem treffenden Begriff: die „Zombie-Wörter der Informatik“. „Distributed“, „Framework“, „Architecture“, „Optimization“ – viele Begriffe, die seit Jahrzehnten durch Studienpläne geistern, ohne dass jemand mehr genau weiß, warum. Für Fachleute (selbst-)verständlich, für Studieninteressierte oft abstrakt oder im schlimmsten Fall auch abschreckend. „Frauen ist der gesellschaftliche Nutzen besonders wichtig. Es macht einen Unterschied, ob etwas Informatik oder medizinische Informatik heißt. Es ist für sie einfach wichtiger, was ich damit bewirken kann,“ erklärt Daniela Wolf.
Dazu kommt eine oft übersehene Dimension: das scheinbare Nicht-Wollen, dass in Wirklichkeit ein Nicht-Trauen ist. Wolf schildert eine Situation aus einem Projekt, in dem Handwerker*innen als Mentor*innen mit Kindern arbeiten. Die Burschen sind alle in der Werkstatt, die Mädchen draußen eher mit Kleinarbeiten beschäftigt. Auf Rückfrage, warum das so ist, antwortet der Mentor: „Sie wollten nicht.“ Es war eindeutig keine böse Absicht damit verbunden, er übersah nur etwas. Nämlich, dass Frauen und Mädchen manchmal anders abgeholt werden müssen. Das Gefühl, sich zu blamieren oder nicht dazuzugehören, verhindert dabei häufig das Handeln, nicht der fehlende Wille. Und genau hier spielen Worte laut Wolf mitunter eine entscheidende Rolle: Sie können Sicherheit geben oder nehmen, und eben einladen oder ausgrenzen.
Was die FERNFH bereits umsetzt
Die Ferdinand Porsche FERNFH hat diese Reflexion zum Anlass genommen, aktiv zu werden. Im Masterstudiengang Informationstechnologie wurden erste Lehrveranstaltungstitel überarbeitet, nicht um Inhalte zu vereinfachen, sondern um gesellschaftliche Relevanz und Anwendungskontexte sichtbarer zu machen. Das Ziel ist dabei klar Zugänglichkeit, nicht Vereinfachung.
Aus der Lehrveranstaltung „Rechtsfragen und Rechtsprobleme in der Informatik“ wurde „Recht & Verantwortung im digitalen Zeitalter“ und aus „Führung und Organisation“ wurde „Führungs- und Organisationsgestaltung in IT-Teams“. Ob und wie stark diese Maßnahmen wirken, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Der Frauenanteil unter den Bewerber*innen des Masterstudiengangs entwickelte sich zuletzt merklich positiv, auch wenn es wissenschaftlich unseriös wäre, diesen Trend monokausal auf Titeländerungen zurückzuführen. Aber es ist ein Signal. Eines, dass die FERNFH ernst nimmt.
Die Sprache in Curricula zu ändern, reicht nicht allein für nachhaltige Veränderungen. Damit inklusive Kommunikation wirklich ankommt, müssen auch jene sensibilisiert werden, die täglich mit Studierenden arbeiten. „Lehrende, darunter in technischen Bereichen nach wie vor viele Männer, sind häufig überhaupt nicht für das Thema sensibilisiert„, sagt Wolf.
Auch hier gab es erste Impulse durch Daniela Wolf: Mit dem Kurs „IT für alle“ wurde für Lehrende aus IT-Studiengängen ein Pilotformat erfolgreich erprobt, das unbewusste Denkmuster sichtbar macht, inklusive Didaktik vermittelt und Lehrende dazu befähigt, ihre eigene Sprache zu reflektieren. Nach dem erfolgreichen Durchlauf des Kurses und der positiven Resonanz der Teilnehmenden, ist geplant das Format auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Fazit: Kein Lippenbekenntnis
Was für Daniela Wolf und die Sache selbst besonders wichtig ist: Veränderung in der Sprache darf kein Lippenbekenntnis sein. Wenn Formulierungen aus reinen Marketinggründen angepasst werden, ohne echte Reflexion, verfehlt die Maßnahme ihr Ziel. Es gibt zu diesem Thema viel Forschung an Hochschulen, aber noch zu wenig Anwendung im eigenen Hochschulalltag.
Die Macht der Worte ist auch kein bildungspolitisches Randthema. Sie ist Teil des großen gesellschaftlichen Projekts der Gleichberechtigung. Und sie beginnt im Kleinen: Bei der eigenen Wortwahl, beim Bewusstsein dafür, was Sprache auslöst. Wie Daniela Wolf es am Ende ihres Vortrags formuliert: „Zwischen ‚Verteilte Systeme‘ und ‚Wie das Internet zusammenarbeitet‘ liegen nur wenige Wörter. Manchmal aber eine ganze Zielgruppe.“










